15 März 2017

Zeitenwenden bei PERRY RHODAN

Ein Logbuch der Redaktion

Schauen wir auf die Menschheitsgeschichte, stellen wir fest, dass diese immer wieder in Brüchen und Sprüngen voranschritt. Es gab Phasen, in denen Frieden herrschte, in denen der Handel florierte und die Wissenschaft neue Erkenntnisse erlangen konnte. Und es gab Phasen, in denen die Welt von Kriegen erschüttert wurde, in denen Naturkatastrophen oder Seuchen dafür sorgten, dass die Menschen nur noch ans nackte Überleben denken konnten.

Bei der PERRY RHODAN-Serie ist es ähnlich. Der größte Romankosmos der Welt entwickelte sich nie gleichmäßig. Autoren wechselten, die Verlagsstruktur veränderte sich, neue Exposéautoren brachten neue inhaltliche Konzepte – das alles hatte seine Auswirkungen auf die Inhalte der Serie. Kurz bevor mit Band 2900 ein neuer Zyklus in der größten Science-Fiction-Serie der Welt startet, ist es vielleicht angebracht, einige Zeitenwenden anzusprechen.

Mit dem »Unternehmen Stardust« angefangen, schilderte die Serie ab dem ersten Roman eine Menschheit, die nach vorne strebte. Man erkämpfte sich einen Platz in der Milchstraße, man wehrte allerlei Gegner ab, man stieß in fremde Galaxien vor. Doch dann kam der riesige Zeitsprung zwischen den Bänden 399 und 400.

Zu Beginn des Cappins-Zyklus krempelten K. H. Scheer und die Autoren die Milchstraße ziemlich um. Der Schauplatz veränderte sich komplett: Statt eines Solaren Imperiums auf dem Höhepunkt seiner Macht schilderte die Serie eine Menschheit, die sich in Machtblöcken gegenüber stand. In der Galaxis tummelten sich Machtgruppen, von denen man noch nie zuvor gehört hatte: Piraten trieben ihr Unwesen, Imperatoren wie Dabrifa trieben ihre Spiele, überall waren Sternenreiche entstanden. Die Serie konnte nach Band 400 völlig neue Geschichten erzählen, in einer Welt, die frisch und unerforscht war.

Ähnlich groß war die Zeitenwende zwischen den Bänden 699 und 700. Man könnte sich streiten, ob der Bruch nicht schon zwischen den Bänden 649 und 650 stattfand – aber das ist nebensächlich. Fakt ist: Der Kunstgriff von William Voltz, die Erde und den Mond aus der Milchstraße zu entfernen und das Solare Imperium zerstören zu lassen, war wuchtig und mutig zugleich. Ab Band 700 dann auch noch eine »Menschheit ohne Liebe« zu schildern, war ebenfalls ein Bruch.
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Schaut man sich Leserkritiken aus jener Zeit an, kam die neue Linie nicht bei allen Lesern an. Während viele den frischen Wind bei PERRY RHODAN mochten, bedauerten andere, dass das Solare Imperium nicht zur alten imperialen Stärke zurückfinden konnte. Die Liga Freier Terraner trat in der Serie anders auf; eine Liga wirkt schon vom Namen her anders als ein Imperium.

Erstaunlich zurückhaltend fiel der Bruch bei Band 1000 aus. Zwar vergingen einige hundert Jahre zwischen den Bänden 999 und 1000, das Duzen wurde eingeführt, und in der Milchstraße operierte die Kosmische Hanse, bei der die Autoren sich wohl nicht so richtig einig waren, was diese konnte und durfte. Dennoch blieben Perry Rhodan und seine Getreuen in führenden Positionen. Kein Wunder: Weder in der Exposéarbeit noch im Autorenteam änderte sich grundlegend etwas.

Das änderte sich mit Band 1400. Der Cantaro-Zyklus mit seinem Zeitsprung über einige hundert Jahre schleuderte Rhodan und Co. in eine Zeit, in der die Aktivatorträger nicht mehr viel zu sagen hatten. Eine Milchstraße hinter Mauern, der Teufel in Terras Hallen – es mangelte in dieser Phase der Serie nicht an düsteren Bildern voller Zeitbezug.

Ernst Vlcek als Exposéautor und Dr. Florian F. Marzin als Chefredakteur, auf dessen Ideen der Zyklus fußte, stellten Perry Rhodan geradezu ins Abseits. Das war Absicht: Beide wollten mit dem Drang abschließen, in immer höhere kosmologische Sphären vorzustoßen. Spätestens mit Si Kitu, der Mutter der Entropie, hatte die Serie in den Augen des Redakteurs und des Exposéautors zu sehr an Bodenhaftung verloren.

Ähnlich verfuhren Ernst Vlcek und Robert Feldhoff, als mit Band 1800 der Thoregon-Zyklus begann. Anfangs stellten sie die Aktivatorträger um Rhodan sogar in Opposition zu einer nationalistischen Menschheit, führten sie aber dann wieder zurück zur Erde. Trotzdem markierte der Thoregon-Zyklus den Einstieg in einen kosmischen Bogen, in dem es wenige Zeitsprünge und damit auch keine massive Zeitenwende mehr gab.

Vor allem nach Band 2000, als Robert Feldhoff die Exposés allein gestaltete, formte er die Serie in eine Richtung, die keine großen Zeitenwenden vorsah. Nach Robert Feldhoffs überraschendem Tod führte Uwe Anton die Serie so fort – für eine Zeitenwende gab es auch wenig Spielraum. Man kann durchaus sagen, dass die Phase zwischen Band 1800 und Band 2699 eine Zeit war, in der nur wenige Umbrüche auf die Leser zukamen.

Die jüngste Wende bot Band 2700 und der Zyklus um das Atopische Tribunal, und diese Wende kam heimlich. Anfangs wirkte alles wie bekannt, doch schnell brachte das neue Expokraten-Duo neue Elemente in die Handlung ein. Sie erweiterten die Kosmologie in drastischer Weise, sie scheuten nicht davor zurück, beliebte Figuren aus der Serie zu schreiben. Das Serienuniversum veränderte sich grundsätzlich, und diese Veränderung wird wohl von Dauer sein.

Ist von Band 2900 eine ähnliche Zeitenwende zu erwarten? Nein. Mit Verena Themsens Jubiläumsband wird eine neue Handlungsebene eröffnet. Selbstverständlich gibt es neue Kontakte für die Hauptfiguren der Serie, treffen Rhodan und Co. auf faszinierende Außerirdische und erlangen neue Einblicke in den Kosmos. Aber die Serie wird nicht grundsätzlich umgestaltet – das wäre vielleicht ein Thema für Band 3000.

Obwohl ... Immer wieder in den vergangenen Jahren wurde der Begriff »Weltenbrand« in den Raum gestellt. Noch sickerte nichts davon durch, was sich dahinter verbergen könnte. Schauen wir mal, welche Folgen dieses Ereignis mit sich bringen wird.

1 Kommentar:

Gorm hat gesagt…

Schon die letzten beiden Zyklen haben mir nicht sonderlich gut gefallen. Dieses Konstrukt Thez und die "Jenzeitigen Lande" hätte man sich in der Form wie es dargestellt wurde, sparen können.
Das war war mir viel zu viel Geschwurbel und verpackte Allmacht von diesem Thez.
Wenn Zeitenwende heißt, dass bekannte und beliebte Figuren sowie ES aus der Serie geschrieben werden, dann kann ich mich gar nicht damit anfreunden.
Die ZA-Träger werden immer weniger, neue ZA's gibt es ohne ES nicht mehr. Ich weis auch nicht was das soll!
Der Serie tut das auf keinen Fall gut.
Altleser werden verprellt und neue Leser werden dadurch auch nicht mehr werden.
Es sind noch viel zu viele Handlungsstränge offen oder nicht, aus welchen Gründen auch immer, weiterverfolgt worden.
Z.B. SOL, Roi Danton, Alaska usw. Hier könnte man mal ansetzen.