14 Juli 2011

Ein Abend in der Kneipe und ein Monolith

Aus der Serie »Der Redakteur erinnert sich«

Es war der Dienstag, 12. Februar 2008. Mit meiner Lebensgefährtin ging ich zu sehr vorgerückter Stunde in unser Stammlokal in Karlsruhe. Eigentlich wollten wir nur mit Freunden reden, weshalb wir uns an die Theke setzten. Allerdings musste meine Lebensgefährtin nach einiger Zeit mit einer guten Freundin über ein kompliziertes, sehr privates Thema sprechen, und ich blieb allein an meinem Platz zurück.

Eine unbefriedigende Situation für mich: Zwar kannte ich den Barmann seit Jahren, aber er war an diesem Abend sehr gut beschäftigt und hatte wenig Zeit für einen gemütlichen Plausch. Sonst hielt sich niemand an der Theke auf, den ich kannte. Also ließ ich meine Gedanken schweifen und kam immer wieder zu zwei Themenkomplexen zurück, die mich in der Vorwoche beschäftigt hatten.

Mit Sabine Kropp, der ATLAN-Redakteurin, hatte ich mehrfach darüber gesprochen, welche Möglichkeiten es gab, die ATLAN-Taschenbücher weiterzuführen. Welchen Zyklus könnte man als nächsten starten, welche Autoren könnten wir zur Mitarbeit auffordern, und welche Art von Trilogie sollten wir veröffentlichen? Zu diesem Zeitpunkt waren die ATLAN-Taschenbücher bei Fantasy Productions bereits angelaufen und hatten durchaus gute Kritiken erhalten.

Der andere Gedanke, der mir immer wieder durch den Kopf ging, hatte mit meinem uralten PERRY RHODAN-Taschenbuch zu tun. Das hatte ich 1992 beim Verlag eingereicht, zu einem Zeitpunkt, als ich noch nicht damit rechnen konnte, selbst einmal PERRY RHODAN-Redakteur zu sein, und der damalige Chefredakteur hatte es »eigentlich ganz gut« gefunden.

Ich hatte das Thanaton-Thema eigentlich längst vergessen, bis ich die Datei wiedergefunden, umformatiert und ausgedruckt hatte. Bei aktueller Lektüre klang das alles ganz interessant, ich hatte mich beim Betrachten meines uralten, halb vergessenen Manuskriptes nicht geärgert. Mit Interesse hatte ich mir noch einmal die weitergehenden Ideenpapiere angeschaut - die waren gar nicht schlecht. Es wäre schade, wenn sie so völlig umsonst gewesen wären.

Während ich so sinnierte, brauste der Lärm eines Restaurants buchstäblich an mir vorbei. Ich war unter Menschen, aber doch allein, die Gedanken in meinem Kopf drehten sich schneller, und dann fasste ich einen Entschluss. Vom Barmann erbat ich mir einen Notizblock sowie einen Kugelschreiber, und ich begann damit, einzelne Ideen auf einzelne Blätter zu kritzeln.

Wie wäre es denn, so überlegte ich, wenn wir keine ATLAN-Trilogie machen würden, sondern gleich sechs Bände? Das wäre mit einer Heyne-Staffel vergleichbar, mit denen wir mit PERRY RHODAN bereits Erfahrungen gesammelt hatten; sechs Bände würden ein Jahr quasi strukturieren.

Und wie wäre es, wenn Atlan auf die Spur eines uralten Geheimnisses käme, das mit dem Monolithen von Thanaton zusammenhinge? Daraus müsste man doch eine Story machen können, die viele Leser interessieren sollte ... Vor allem könnte ich damit ganz unterschiedliche Autoren mit sehr variablen Vorlieben und Stärken mitarbeiten lassen.

Eifrig kritzelte ich mehrere Seiten des Blocks voll und legte eine Tabelle an. In dieser vermerkte ich in groben Notizen, welche Schwerpunkte welcher Band haben sollte und welcher Autor für welches Thema in Frage kommen würde. Ich wollte einen ATLAN-Zyklus konzipieren, der den Lesern einen größeren Zusammenhang bieten, der das bisherige Universum abrunden und der dennoch für viele farbenprächtige Abenteuer weiten Raum bieten sollte.

In meinen Gedankengängen beschäftigte ich mich zudem damit, welche Themen mich in früheren Lesezeiten selbst gereizt hatten. Die ATLAN-Taschenbücher hatten Sabine Kropp und ich bewusst in jenem »Handlungsloch« angesiedelt, das zwischen den PERRY RHODAN-Romanen 399 und 400 liegt: Viele Fans nennen diesen Zeitraum den »Tausend-Jahres-Sprung«, weil mehr als 900 Handlungsjahre in einigen Nebensätzen abgehandelt wurden.

In der Handlung des Bandes 400 tauchten prompt mehrere »neue« menschliche Sternenreiche auf, von denen die Zentralgalaktische Union, der Carsualsche Bund und das Imperium Dabrifa die bekanntesten waren. Viele andere Reiche wurden aber nur dem Namen nach erwähnt, und das hatte ich als Leser selbst immer unbefriedigend gefunden. Was war denn beispielsweise mit der sogenannten Tarey-Bruderschaft, über die man so gut wie nie etwas erfahren hatte? In meinen Notizen vermerkte ich, dass diese handlungstragend sein sollte.

Ich notierte mir mögliche Autoren für den angedachten Sechs-Bände-Zyklus: Selbstverständlich gehörte Hans Kneifel dazu, sicher der profilierteste ATLAN-Autor überhaupt, ebenso wollte ich aber neue Talente wie Verena Themsen präsentieren oder schauen, inwiefern wir beispielsweise mit Volker Krämer zusammenarbeiten könnten.

Weitere Namen auf der Liste waren Götz Roderer, der unbedingt einen technisch-wissenschaftlichen Roman verfassen sollte, oder Konrad Schaef, der sich in dieser klassischen PERRY RHODAN-Zeit hervorragend auskannte. In meiner Tabelle notierte ich mir darüber hinaus Eigenschaften zu den sechs Planeten, auf denen die Handlung spielen sollte, und skizzierte in wenigen Worten den Hintergrund zu einer möglichen Handlung.

Ich wollte mehrere Jahre in der Vergangenheit anfangen, eine uralte PERRY RHODAN-Geschichte quasi im ATLAN-Universum noch einmal neu aufleben lassen - und das ganze nahm in meinem Kopf langsam immer stärker Formen an, mit denen ich zuvor nicht gerechnet hatte. Fieberhaft schrieb ich ein Blatt nach dem anderen voll.

Der Barkeeper, der längst nicht mehr viel zu tun hatte, versuchte vergeblich, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Die Köche, die mittlerweile Feierabend hatten und sich zu einem Feierabendbier an die Theke begaben, ignorierten mich nach einiger Zeit. Und als meine Lebensgefährtin später an die Theke kam, stellte sie fest, dass ich mich keine Sekunde lang gelangweilt hatte.

Auf meinen Notizzetteln, die ich sorgsam faltete und in den Geldbeutel steckte, hatte ich einen sechs Bände umfassenden ATLAN-Zyklus konzipiert. Zuletzt schrieb ich in großen Lettern das Wort »MONOLITH« auf ein separates Blatt und steckte das zu den anderen Unterlagen. Ich war mit meinem Abend an der Theke sehr zufrieden ...

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